.. noch klein

Hallo Anna,

wann wurde ich 18? Das war 83 -
und wann 21, also 1986. Es gab
öffentliche Partys, die ich damals
in völliger Ablehnung, aber mangels
besseren Wissens schreibend
verbrachte. Ich erinnere mich
also nicht mehr daran, aber
es ist zum Glück Alles schriftlich
festgehalten!

Meine Jugend als Heranwachsender
begann mit "Schweigen für den Frieden"
und endete mit "Tschernobyl".
Die Katastrophen waren wo anders,
und das Andere ersetzte das
eigene Entsetzen. Keiner verstand
Keinen, und die einzige Art sich
zu solidarisieren bestand darin
dies zu bekennen - nicht wie
Heute durch "Heulen bis Blut kommt",
sondern durch gemeinsame Aktionen.

Es war die Zeit des stillen Wiederstands,
man fuhr auf Anti-Gewalt-Camps, ich
war nie auf einem. Ich tanzte Jazztanz,
malte Protestbilder und schrieb
Gedichte. Mädchen waren unberührbar,
es gab keine Mädchen, es gab nur den
Feminismus. Überhaupt war Alles
ziemlich zwanghaft. Was sollte ein
junger Mensch auch werden, die
Welt war noch nicht entdeckt und
schon lag Alles wieder in Scherben.
Krieg, Verweigerung, Waldsterben,
Super-Gau, Freude hatte in unserem
Leben keinen Platz.

Statt dessen Intellektualität; als
Eingangsvoraussetzung galt:
Die eigenen Eltern können sprchlich nicht mehr folgen!
Nächste Stufe: Die Lehrer halten
im Diskurs nicht mehr mit.
Gewonnen: Verlust der besten Freunde.
"Es ist mir einfach auf Dauer zu anstrengend mit Dir!"

Verlust von Zugehörigkeit versprach Freude.
Dem Defizitären Prinzip stand ich
mit völliger Ergebenheit gegenüber.
Verlust bedeutete Autonomie,
und Autonomie erwachsen sein.

Dabei lehnte ich natürlich jede Art von
"Erwachsen" sein oder werden, bereits
in der Begriffsbildung kategorisch ab.
Dort wo ich in eine Welt geworfen war,
die qua Selbstverständnis auf reiner
Ablehnung basierte, konnte eine
jugendliche Selbstvergewisserung
nur darin bestehen, der Grundlage
jedes zivilisatorischen Prinzips
- Bindung - durch Lösung zu begegnen.

Das Verweigerung die höchste Form der
Bindung darstellt, sollte sich im
persönlichen Lebensweg erst
viel später heraus stellen.

Lösung bedeutete damals Spiritualität,
also das was Heute Virtualität bedeutet.
Das Nichts hatte Konjunktur. Man
mußtes es dem Anderen nicht einmal
vor machen. Es war einfach entspannend.
Auch Bhagwan sah immer sehr entspannt
in seinem Rolls-Royce aus. Wie unwichtig
durfte da die eigene Inkarnation werden,
wenn es nur darum ging, Karma zu verbrauchen.

Natürlich nur schlechtes Karma. Noch 2001
ging Karlheinz Stockhausen davon aus, daß es sich
beim 11. September um das größte Kunstwerk
aller Zeiten gehandelt habe. Initiation von
Verbrauch durch Verkürzung der Inkarnationsfrequenz?
Wenn Leben Lüge sein darf,
dann darf Kunst auch die Welt verbessern!

Durch Krieg zum Heil - dort wo sich Begriffe
beliebig gegenseitig austauschen ließen,
also in der Umwertung aller Werte,
dort mußte der Tod zwangsläufig etwas Gutes
bedeuten, oder eben das Nichts!

Wir wußten einfach zu viel.

Und es war einfach dies zu wissen,
nur es sollte eben auch gelebt werden,
und das war schon nicht mehr so einfach.
Denn groß werden hieß klein bleiben -
unsichtbar klein. Eine ganze Generation
von lauter Nichtsen, Einer kleiner als der
Andere, ein zwanghaft gestörter Haufen
völlig versprengter Endzeitfiguren,
allein geeint durch die panische Angst vor
Größe - Größe an sich persönlich zu erfahren.

Das hieß Heranwachsen an die Kenntlichkeit
der eigenen Bewußtheit zwischen 83 und 86.
Wiederstand zwecklos!

Wenn gar nichts mehr geht, bleibt nur die Klarheit.
Erkenntnis aus jenen Tagen kam zu früh:
Wer sich rechtzeitig entspannt, bleibt unverstanden.

Zum Glück habe ich damals Alles mitgeschrieben
- akribisch und detailgetreu -
es ist eine Aneinanderreihung sinnloser Erlebnisse,
die mich zu allererst selber verstören ...
meine Jugend bleibt reine Erfindung.

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