nette musik V

Da ich mich für Mädchen interessierte
bekam ich auch Musikkassetten geschenkt,
selberbespielte natürlich. Sie waren immer
mit einem selbstbemalten Cover versehen
und ich habe sie vorsichtig zu meinen anderen
Kassetten ins Regal gestellt. Irgendwie
mußte da etwas drauf gespielt sein, was
für das schenkende Mädchen selber wichtig
gewesen war. Meist waren die Kassetten
mit Mond und Sternen bemalt, und weil
sie oft schon mehrfach bespielt waren,
konnte ich nicht wissen ob sie in meinen
Kassettenrekordern, die ich allesamt auf
dem Spermüll gefunden hatte, überhaupt
das erste Abspielen überlebt hätten. Sie
blieben uneingelegt und ich sah
sie als Gaben an, so vielleicht wie das
Christuskind seiner Zeit Weihrauch und
Myrrhe. Da ich selber immer Musik
machte, war ich meist von Musikhören
völlig überfordert. Da passiert doch etwas,
dachte ich immer, und fassungslos sah
ich die ersten Kassettenrekorder mit
Kopfhörer, sie hingen aus den Ohren
und das ganze Hirn sammelte sich
über einer aufgespulten Wirklichkeit -
so dachte ich damals. Wenn die Kassette
leierte schlug man sie, als könne man ihr
den Teufel austreiben. Einmal habe ich
ein Mädchen geküßt, während sie
gerade den Walkman aufhatte, ihre
Zunge kreiste mechanisch in meinem
Mundraum, wie ein Roboterarm.
Danach habe ich nie wieder ein Mädchen
geküßt.
Überhaupt war mein Musikgeschmack
mit 14/15 sehr computergestützt -
http://www.youtube.com/watch?v=yQMjVe_AGkY
ich hörte Klaus Schulze und Alles
was sehr downtoearth. Eric Satie,
http://www.youtube.com/watch?v=GNJDBykiBrc
(komponiert 1920),
der Erfinder der "Musik zum Weghören",
war gleichermaßen wie die ganze
Moderne verwurzelt mit dem
Thema hinter der Idee. Mit
seiner Intellektuialisierung
endete auch das Klangerlebnis,
mit seiner Deutung, seine Bedeutung.
Ein Mädchen lies sich damit
wahnsinnig machen, es aufzufordern:
"höre das was Du nicht hörst!"
Darauf kam immer die Frage:
"...und wie hörst Du dann Musik?"
Nur mit Karl Valentin konnte es
zurück in die Wirklichkeit geholt
werden:
http://www.youtube.com/watch?v=aMVqd3BPVjo
(...aus heutiger Sicht - der Kapellmeister
gespielt von einer Frau, Liesl Karlstadt -
undenkbar darin der Wirklichkeit
näher zu kommen, schon eher dem
Wahnsinn und damit unserem
guten alten Thema von Bestimmung,
Sehnsucht und Erleben)

Damals saß ich gerne in Baumkronen,
verschwand in Laubhaufen, hing in
Strudeln von Gletscherbächen ab...,
aber warum sollte ich
an solche Klangerlebnisse, andere
Menschen heranführen?

Alle Trauer über den Verlust unserer
inneren Verbundenheit im Menschsein,
jener Verbundenheit von Mensch
und Ursprung, liegt in der Musik.

Die Kassetten verstaubten ungehört
im Regal, hin und wieder konnte ich
bei ihrem Anblick weinen.

Mein Bruder und ich verstanden uns
in der Elterlichen Umgebung als
Humanmöbel. Musikgeschmack
war daher Style, das Anfüllen
eines Zustandes innerer Leere
mit nutzloser Dekoration.

Als ich später (1985) mit Musik die
allgemeine Hochschulreife erwarb,
flötete ich ein Lied auf der
Mundharmonika, - in einer
Zeit als die vollständige
Leistungsverweigerung
gerade den Quantensprung
von der Sub-, in die Hochkultur
schaffte - der wahre Bringer!

Heute sind Kassetten doch sehr
vintage - "ich und mein Kassettenrekorder"
ist der Versuch eines Kollegen
(den ich einmal live im alten nbi
erleben durfte, während er zu
seiner eigenen Musik, vom Kassetten-
rekorder abgespielt, mit Gitarre
Selbst-Karaoke betrieb...)
- seinen Namen erinnere ich leider nicht -
über Selbst-Musealisierung
zu emotionalisieren,
ähnlich, als wollte man sich
im Museum ausstellen,
noch bevor das Bild überhaupt
entstanden ist.

Der Versuch war theoretisch, sehr
konzeptuell und je weiter er
nach südwesten in der Republik
auftrat desto wohlwollender
das Publikum, denn man fühlte
sich einfach sicher.

Alles ist rührend, besonders
das was man eben nicht sagen
kann, nur spüren.
Heute bin ich ein alter Mann,
und die Mädchen haben vielleicht
schon Kinder und sind wieder
geschieden.

Ihre Kassetten stehen noch
in meinem Regal, sie haben
sehr traurige Augen.

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